Das Paxmal von Karl Bickel – Ein Denkmal, das Geschichten erzählt
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Es gibt Orte, die wirken wie aus einem Roman gefallen. Nicht, weil dort berühmte Schriftsteller gelebt hätten oder weil eine bekannte Geschichte genau hier spielt. Sondern weil sie selbst eine Erzählung sind. Das Paxmal hoch über dem Walensee gehört zu diesen Orten.
Zwischen den steilen Felswänden der Churfirsten und dem tiefblauen Wasser des Walensees erhebt sich ein Bauwerk, das auf den ersten Blick an einen antiken Tempel erinnert. Wer den kurzen Fußweg dorthin zurücklegt, verlässt den Alltag Schritt für Schritt. Plötzlich steht man vor einem Monument aus Stein, Mosaiken und Stille – geschaffen von einem einzigen Menschen. Und man staunt und fragt sich, wie er das vor mehr als 100 Jahren bewerkstelligen konnte – bar der technischen Möglichkeiten, die es heute gibt.
Ein Künstler mit einer Vision
Der Schweizer Künstler Karl Bickel (1886–1982) war Maler, Grafiker, Bildhauer und einer der bedeutendsten Briefmarkenstecher seines Landes. Doch sein eigentliches Lebenswerk entstand fernab von Ateliers und Städten.
Während eines Aufenthalts im Lungensanatorium Walenstadtberg, wo er sich von einer schweren Tuberkulose erholte, fasste er einen Entschluss: Sollte er wieder gesund werden, wollte er einen Ort schaffen, der dem Frieden gewidmet ist. Nach seiner Genesung hielt er Wort.
1924 begann Karl Bickel mit dem Bau des Paxmals. Fünfundzwanzig Jahre lang arbeitete er nahezu allein an seinem Monument. Erst 1949 war das Werk vollendet – ausgerechnet in einer Zeit, die von einem Weltkrieg überschattet worden war. Gerade deshalb erhielt seine Friedensvision eine noch tiefere Bedeutung. Und hat bis heute, in einer Zeit, in der kriegerische Auseinandersetzungen auf der Tagesordnung stehen, nichts an seiner Aktualität verloren.
Literatur aus Stein
Der Name Paxmal setzt sich aus dem lateinischen Pax – Frieden – und dem Wort Mal im Sinn eines Denkmals zusammen. Doch dieses Denkmal erzählt keine Schlacht und keinen historischen Sieg. Es erzählt von Menschen.
Die großflächigen Mosaike zeigen Familien, Gemeinschaft, Arbeit, Liebe, Hoffnung und geistiges Wachstum. Die linke Seite widmet sich dem irdischen Leben, die rechte der inneren Entwicklung des Menschen. Wer genauer hinsieht, entdeckt keine fertigen Antworten, sondern Fragen. Was bedeutet Gemeinschaft? Wann entsteht Frieden? Welche Verantwortung trägt jeder Einzelne?
Gerade deshalb wirkt das Paxmal fast wie ein aufgeschlagenes Buch. Jede Steinplatte ist ein Satz. Jedes Mosaik ein Kapitel. Und jeder Besucher liest daraus eine andere Geschichte.
Ein Ort für literarische Reisende
Literarische Reisen führen häufig zu Wohnhäusern berühmter Autoren oder zu Schauplätzen bekannter Romane. Das Paxmal verfolgt einen anderen Ansatz. Hier am Walensee steht nicht das geschriebene Wort im Mittelpunkt, sondern die Erzählkraft eines Ortes.
Viele Schriftsteller suchen genau solche Plätze. Landschaften, die Gedanken ordnen. Orte, an denen Stille nicht leer wirkt, sondern voller Geschichten steckt. Das Zusammenspiel aus monumentaler Natur und menschlicher Gestaltung regt beinahe zwangsläufig die Fantasie an. Wer hier sitzt, blickt weit über den Walensee hinweg. Der Wind streicht über die Bergwiesen. Nebel zieht hoch vom See und taucht die Szenerie in ein mystisches Bild. Kein Verkehrslärm stört die Gedanken. Stattdessen entstehen Bilder.
Vielleicht beginnt hier eine historische Erzählung. Vielleicht ein philosophischer Roman. Oder einfach eine kleine Geschichte über Hoffnung.
Zwischen Wirklichkeit und Symbol
Das Beeindruckende am Paxmal ist seine Zurückhaltung. Es erhebt keinen Anspruch darauf, religiöse Kultstätte zu sein. Karl Bickel verstand sein Werk ausdrücklich als Ort der inneren Einkehr und Meditation über den Menschen und die Gesellschaft. Jeder Besucher darf seine eigene Bedeutung darin finden. Gerade diese Offenheit macht den Ort zeitlos.
Während viele Denkmäler konkrete Ereignisse festhalten, erinnert das Paxmal an etwas, das niemals abgeschlossen ist: den Wunsch nach Frieden.
Ein Ausflug mit literarischem Nachhall
Die Anreise führt zunächst nach Walenstadt oder Walenstadtberg. Von dort erreicht man das Paxmal nach einer kurzen Wanderung oder über verschiedene längere Wanderwege. Schon der Weg gehört zum Erlebnis. Hinter jeder Kurve öffnen sich neue Ausblicke auf den Walensee und die Churfirsten.
Wer schließlich vor dem Monument steht, versteht schnell, warum dieser Ort weit mehr ist als ein beliebtes Wanderziel. Er lädt nicht dazu ein, möglichst viele Fotos zu machen. Er lädt dazu ein, einen Moment zu bleiben. Vielleicht ein Notizbuch hervorzuholen. Vielleicht nur zu schauen. Denn manche literarischen Reisen beginnen nicht mit einem Roman im Gepäck. Sondern mit einem stillen Ort, der selbst zur Geschichte wird.
Karl Bickel auf einen Blick
- Geboren: 30. September 1886 in Zürich (Schweiz)
- Gestorben: 7. Mai 1982 in Walenstadtberg (Schweiz)
- Beruf: Maler, Grafiker, Bildhauer und Briefmarkenstecher
- Künstlerische Epoche: Moderne
- Bekanntestes Werk: Paxmal (1924–1949)
- Weitere bekannte Arbeiten: Schweizer Briefmarken, Plakate, Grafiken und Mosaike
Wer mehr über Karl Bickels Leben und Werk erfahren möchte, findet im Museum Bickel in Walenstadt eine Dauerausstellung zu seinem Schaffen sowie wechselnde Sonderausstellungen zur zeitgenössischen Kunst. Das Museum wird von der Karl-Bickel-Stiftung getragen und widmet dem Künstler jährlich eine eigene Ausstellung.
Dass Heimatgeschichte nicht langweilig sein muss und auch solche literarischen Orte beheimaten kann, beweist unsere Buchreihe „Heimat erleben, Geschichten erzählen".