Skulptur des Bildhauers und Schriftstellers Ernst Barlach, fshh-Foto Pixabay lizenziert

Ernst Barlach – eine literarische Reise zwischen Neu-Ulm und Güstrow

Ernst Barlach – eine literarische Reise zwischen Neu-Ulm und Güstrow

Wer den Namen Ernst Barlach hört, denkt wahrscheinlich zuerst an seine Skulpturen: schwere, in sich gekehrte Gestalten, Trauernde, Liebende, Bettler, Mütter und Kinder. Weniger bekannt ist, dass Barlach nicht nur einer der bedeutenden deutschen Bildhauer des Expressionismus war. Aber er war ebenso Schriftsteller und Dramatiker.

Gerade diese Verbindung von Literatur und bildender Kunst macht ihn zu einem spannenden Begleiter für eine literarische Reise. Sie führt uns zunächst nach Neu-Ulm, wo sich eine aktuelle Ausstellung einem der großen Themen seines Schaffens widmet. Anschließend geht es weiter nach Güstrow, jener Stadt, die über Jahrzehnte zu Barlachs Lebens- und Arbeitsmittelpunkt wurde und in der seine Spuren bis heute an vielen Orten zu finden sind.

Ernst Barlach – der Schriftsteller hinter dem Bildhauer

Ernst Barlach wurde 1870 in Wedel geboren und starb 1938 in Rostock. Sein Name ist heute untrennbar mit der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts verbunden. Doch seine Ausdrucksmittel beschränkten sich keineswegs auf Holz, Bronze, Zeichnung und Lithografie.

Barlach schrieb Dramen, Prosatexte, autobiografische Texte und zahlreiche Briefe. Literatur und bildende Kunst verliefen in seinem Leben nicht als zwei voneinander getrennte Wege. Vielmehr beschäftigten ihn in beiden Bereichen ähnliche Fragen: Was macht den Menschen aus? Was geschieht mit ihm angesichts von Einsamkeit, Sehnsucht, Liebe, Tod, Schuld oder gesellschaftlicher Not? Und was bleibt vom Menschen, wenn Äußerlichkeiten ihre Bedeutung verlieren?

1912 erschien beispielsweise sein Drama „Der tote Tag“, das Barlach selbst mit 27 Lithografien verband. Weitere Dramen folgten, darunter „Der arme Vetter“, „Die Sündflut“ und „Der blaue Boll“. 1924 erhielt Barlach den Kleist-Preis für Literatur. 1928 veröffentlichte er seine Autobiografie „Ein selbsterzähltes Leben“.

Damit gehört Barlach zu jenen Künstlern, bei denen sich die Grenzen zwischen Schreiben und Gestalten immer wieder auflösen. Eine Figur, die in einer Skulptur schweigt, könnte beinahe aus einem seiner Dramen stammen – und manche seiner literarischen Gestalten besitzen eine Körperlichkeit, die wiederum an seine Plastiken erinnert.

Erste Station: „Facetten der Liebe“ in Neu-Ulm

Einen schönen Anlass, Ernst Barlach neu oder überhaupt erst zu entdecken, bietet derzeit das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm. Dort ist die Sonderausstellung „Ernst Barlach. Facetten der Liebe“ zu sehen. Die Ausstellung wurde verlängert und läuft bis zum 18. Oktober 2026. Im Mittelpunkt steht ein Thema, das Barlach sein Leben lang beschäftigte: die Liebe in ihren ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen.

Dabei geht es keineswegs ausschließlich um romantische Liebe. Die Ausstellung beschäftigt sich unter anderem mit Sehnsucht und Versuchung, Mutterliebe und Nächstenliebe, käuflicher Liebe, Trauer und der Zuneigung zwischen zwei Menschen. Plastiken und grafische Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten zeigen, wie unterschiedlich Barlach dieses große menschliche Thema betrachtete.

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Gerade darin liegt eine deutliche Verbindung zu seinem literarischen Werk. Barlach interessierte sich weniger für eine idealisierte Welt als für Menschen mit ihren Widersprüchen. Seine Figuren suchen, zweifeln, hoffen, leiden und sehnen sich nach Nähe. Was er in seinen Skulpturen auf eine Haltung, eine Geste oder einen Gesichtsausdruck verdichtete, konnte er in seinen Texten mit Sprache entfalten.

Illustrierte Karte zur literarischen Reise auf den Spuren Ernst Barlachs von Neu-Ulm nach Güstrow mit Edwin Scharff Museum, Atelierhaus am Inselsee, Gertrudenkapelle, Güstrower Dom und Ernst-Barlach-Theater. KI generiert

Wenn Skulpturen und Texte miteinander sprechen

Für Literaturfreunde ist besonders interessant, dass die Neu-Ulmer Ausstellung Barlach ausdrücklich nicht allein als Bildhauer betrachtet. Das Museum bezeichnet ihn als Bildhauer, Zeichner und Autor. Ausgewählte Exponate werden zudem von poetischen Texten begleitet.

Auch das Begleitprogramm greift die Verbindung zwischen Kunst und Literatur auf. Unter dem Titel „Ernst Barlach – Bildhauer, Dichter, Visionär“ werden literarische Rundgänge angeboten, bei denen Barlachs eigene Texte denen expressionistischer Zeitgenossen gegenübergestellt werden. Sehnsucht, Empathie, Liebe und innere Wahrhaftigkeit werden so nicht nur in seinen Skulpturen, sondern auch in der Sprache sichtbar.

Selbst Barlachs Briefe spielen im Begleitprogramm eine Rolle. Dabei wird unter anderem auf seine zahlreichen Briefe an Marga Böhmer, seine spätere Lebensgefährtin, Bezug genommen. Das geschriebene Wort war für Barlach also nicht nur künstlerisches Ausdrucksmittel, sondern auch ein wichtiger Teil seines persönlichen Lebens.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit den Ernst Barlach Museen Güstrow. Und genau dorthin führt uns die nächste Etappe unserer literarischen Reise.

Zweite Station: Güstrow – Barlachs Stadt

Wer Ernst Barlach nicht nur durch einzelne Werke kennenlernen, sondern ihm an einem seiner wichtigsten Lebensorte näherkommen möchte, sollte nach Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern reisen.

1910 beziehungsweise dauerhaft ab 1911 verlagerte Barlach seinen Lebensmittelpunkt hierher. Güstrow wurde zu einem zentralen Ort seines künstlerischen und schriftstellerischen Schaffens. In dieser Zeit entstanden zahlreiche bildnerische und literarische Arbeiten. Bis heute sind seine Spuren in der Stadt außergewöhnlich präsent. Die Ernst Barlach Museen Güstrow verfügen nach eigenen Angaben über den weltweit größten Bestand an Arbeiten des Künstlers.

Eine Spurensuche führt dabei gleich zu mehreren Orten.

Das Atelierhaus am Inselsee

Ein besonders eindrucksvoller Ort ist das Atelierhaus am Inselsee. Das von Adolf Kegebein entworfene Gebäude entstand 1930/31 und diente Barlach bis zu seinem Tod 1938 als Arbeits- und Rückzugsort.

Heute befindet sich darin eine umfangreiche Dauerausstellung über sein Leben und Werk. Gerade für Literaturinteressierte lohnt sich der Besuch: Neben Plastiken, Grafiken und persönlichen Gegenständen werden hier auch literarische Arbeiten und Dokumente Barlachs präsentiert. Sogar seltene Tonaufnahmen ermöglichen eine ungewöhnlich unmittelbare Begegnung mit dem Künstler und Schriftsteller.

So wird das Atelierhaus zu einem Ort, an dem sich die unterschiedlichen Seiten Barlachs besonders schön miteinander verbinden. Hier begegnet man nicht nur dem Bildhauer, dessen Figuren heute weltberühmt sind, sondern ebenso dem Autor, der Dramen, Prosa und autobiografische Texte schrieb.

Rund um das Atelierhaus liegt zudem die Landschaft des Inselsees. Wer nach dem Museumsbesuch noch ein Stück spazieren geht, kann die Umgebung kennenlernen, in der Barlach über viele Jahre lebte und arbeitete.

Die Gertrudenkapelle 

Eine zweite Station ist die Gertrudenkapelle am Gertrudenplatz. Die gotische Kapelle wurde 1953 als Barlach-Museum eröffnet und war das erste Museum, das ausschließlich seinem Werk gewidmet wurde. Maßgeblichen Anteil daran hatte Marga Böhmer, die sich nach Barlachs Tod für die Bewahrung seines künstlerischen Erbes einsetzte.

Heute sind hier zentrale Arbeiten aus Barlachs Güstrower Schaffenszeit zu sehen. Zu ihnen gehören bekannte Holzskulpturen wie „Der lesende Klosterschüler“, „Die gefesselte Hexe“ und „Der Zweifler“.

Gerade der „Lesende Klosterschüler“ besitzt für eine literarische Reise einen besonderen Reiz: eine in ein Buch versunkene Figur, geschaffen von einem Künstler, der selbst Schriftsteller war. Schöner könnten sich bildende Kunst und Literatur beinahe nicht begegnen.

Auch der Ort selbst trägt zur Wirkung bei. Die historische Kapelle und ihre stille Atmosphäre geben Barlachs Figuren einen Raum, in dem sie anders wirken als in einem modernen Ausstellungssaal.

Der „Schwebende“ im Güstrower Dom

Von der Gertrudenkapelle führt die Barlach-Spur weiter zum Dom zu Güstrow. Hier befindet sich eines seiner bekanntesten Werke: das Güstrower Ehrenmal, dessen schwebende Figur meist einfach als der „Schwebende“ bezeichnet wird.

Barlach schuf das Ehrenmal zum Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs. Die schwebende Gestalt unterscheidet sich deutlich von den heroischen Kriegerdenkmälern ihrer Zeit. Statt militärischen Ruhm zu feiern, vermittelt sie Trauer, Stille und Nachdenklichkeit.

Die Geschichte des Werkes ist zugleich ein Stück deutscher Geschichte. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde das Ehrenmal 1937 aus dem Dom entfernt und später eingeschmolzen. Nach dem Krieg konnte anhand eines erhalten gebliebenen Zweitgusses eine neue Figur hergestellt werden. Seit 1953 schwebt sie wieder im Güstrower Dom.

Im Atelierhaus lässt sich außerdem ein Werkmodell des Ehrenmals betrachten. So verbinden sich auch innerhalb Güstrows die einzelnen Stationen miteinander.

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TITEL

Wer Ernst Barlach nach unserer literarischen Reise nicht nur als Bildhauer und Grafiker, sondern auch als Schriftsteller kennenlernen möchte, findet zahlreiche seiner Werke noch heute im Buchhandel. Seine Dramen, autobiografischen Texte und Briefe eröffnen einen ganz eigenen Zugang zu seiner Gedankenwelt.

  • Dramen wie „Der tote Tag“, „Der arme Vetter“ und „Die Sündflut“
  • Autobiografische Texte und persönliche Briefe
  • Bücher über Leben, Kunst und literarisches Schaffen Ernst Barlachs

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Das Ernst-Barlach-Theater 

Noch eine Station gehört unbedingt zu einer literarischen Spurensuche durch Güstrow: das Ernst-Barlach-Theater am Franz-Parr-Platz.

Das klassizistische Theater wurde bereits 1828 nach Plänen des Architekten Georg Adolf Demmler errichtet und ist damit wesentlich älter als Barlachs Zeit in Güstrow. Es gilt als ältestes erhaltenes Bürgertheater Mecklenburgs. Nach einem grundlegenden Umbau in den Jahren 1955 bis 1957 wurde das Haus wiedereröffnet und erhielt den Namen Ernst-Barlach-Theater.

Diese Namensgebung passt besonders gut zu unserer literarischen Reise, denn sie erinnert daran, dass Ernst Barlach keineswegs nur Bildhauer und Grafiker war. Er war Dramatiker – und damit selbst ein Mann des Theaters.

Seine Stücke wie „Der tote Tag“, „Der arme Vetter“, „Die Sündflut“ und „Der blaue Boll“ zeigen eine andere Seite des Künstlers. Auf der Bühne konnte Barlach seine Figuren sprechen lassen, ihnen Konflikte und Zweifel geben und jene menschlichen Grundfragen entfalten, die auch seine bildhauerischen Arbeiten prägen.

Heute ist das Ernst-Barlach-Theater ein Gastspielhaus ohne eigenes Ensemble. Schauspiel, Musik- und Tanztheater, Kinder- und Jugendtheater, Kleinkunst und Konzerte stehen auf dem Programm. Eine kleine Besonderheit aus der Theatergeschichte gibt es ebenfalls: 1912 wurde hier der damals noch junge Hans Albers engagiert.

Eine Barlach-Route durch Güstrow

Damit lässt sich in Güstrow eine ganze kleine Reise auf den Spuren Ernst Barlachs unternehmen:

Atelierhaus am Inselsee – Gertrudenkapelle – Güstrower Dom – Ernst-Barlach-Theater.

Dabei begegnet man Barlach immer wieder von einer anderen Seite. Im Atelierhaus steht der Mensch und Künstler im Mittelpunkt. In der Gertrudenkapelle sind seine Plastiken in einem außergewöhnlichen historischen Raum zu erleben. Im Dom wartet mit dem „Schwebenden“ eines seiner eindringlichsten Werke. Und das Ernst-Barlach-Theater erinnert bereits mit seinem Namen daran, dass Barlach auch Schriftsteller und Dramatiker war.

Ausstellungstipp Neu-Ulm

Ernst Barlach. Facetten der Liebe
Edwin Scharff Museum – Kunstmuseum & Kindermuseum Neu-Ulm
Petrusplatz 4
89231 Neu-Ulm
bis 18. Oktober 2026

Edwin Scharff Museum – Ernst Barlach. Facetten der Liebe

Auf den Spuren Barlachs in Güstrow

Ernst Barlach Museen – Atelierhaus
Heidberg 15
18273 Güstrow

Ernst Barlach Museen – Gertrudenkapelle
Gertrudenplatz 1
18273 Güstrow

Ernst Barlach Museen Güstrow

Dom zu Güstrow
Domplatz
18273 Güstrow

Ernst-Barlach-Theater
Franz-Parr-Platz 8
18273 Güstrow

Ernst-Barlach-Theater Güstrow

Vor der Reise empfiehlt sich ein Blick auf die aktuellen Öffnungszeiten und Veranstaltungstermine der einzelnen Häuser.

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