Ein paar Stunden für die Ewigkeit: Warum Lignano Hemingway bis heute feiert
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Wenn man Richtung Adria reist, um Content für verschiedene Blogs zu erstellen ... und man bezieht Quartier in Lignano Pineta, dann kommt man an einem nicht vorbei: Ernest Hemingway. Unsere Wohnung lag quasi vis-a-vis zum Ernest Hemingway-Park, wir stolperten also quasi direkt über diesen großen Namen. Hemingway ist hier quasi überall präsent - es gibt Kunstwerke und Statuen, ein Wohnviertel und ... den Premio Ernest Hemingway Lignano Sabbiadoro, einen renommierten Kulturpreis, der seit Jahrzehnten vergeben wird.
Da liegt ganz schnell die Vermutung nahe: Hemingway muss längere Zeit hier gelebt, geschrieben oder zumindest regelmäßig seine Ferien verbracht haben. So erging es auch mir ... Doch die Geschichte ist viel ungewöhnlicher.
Nach historischen Angaben besuchte Ernest Hemingway Lignano nur ein einziges Mal. Am 15. April 1954. Für wenige Stunden. Wie konnten aus einigen Stunden mehr als sieben Jahrzehnte Erinnerung werden?
Ernest Hemingway und Italien
Doch die Verbindung Hemingways zu Italien reicht viel weiter zurück als seine kurze Begegnung mit Lignano. 1918 kam der damals 18-Jährige während des Ersten Weltkriegs nach Italien. Er arbeitete als freiwilliger Fahrer für das Amerikanische Rote Kreuz und wurde an der italienischen Front schwer verwundet. Die Erlebnisse dieser Zeit hinterließen deutliche Spuren in seinem späteren Werk.
Besonders bekannt ist der 1929 erschienene Roman „In einem andern Land“ (A Farewell to Arms), in dem Hemingway eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs in Italien erzählt.
Auch später zog es ihn immer wieder nach Norditalien. Er kannte Venedig gut, liebte die Landschaft des Veneto und des Friaul und war eng mit der friaulischen Familie Kechler befreundet.
Und genau diese Freundschaft führte ihn schließlich nach Lignano.
Der 15. April 1954
Im April 1954 hielt sich Hemingway gemeinsam mit seiner Frau Mary bei seinem Freund Federico Kechler in Percoto im Friaul auf. Am 15. April sollte es zurück nach Venedig gehen. Doch unterwegs schlug Kechler einen Abstecher vor. Das Ziel war Lignano Pineta.
Heute gehört Pineta neben Sabbiadoro und Riviera zu den drei Ortsteilen von Lignano Sabbiadoro. Damals sah es hier vollkommen anders aus. Der moderne Ferienort befand sich erst im Aufbau.

Historische Impressionen aus Lignano auf einer Informationstafel im Parco Hemingway. Foto: Martina Meier
Der Architekt Marcello D'Olivo hatte für Pineta einen außergewöhnlichen städtebaulichen Plan entwickelt. Statt eines gewöhnlichen rechtwinkligen Straßennetzes entwarf er eine Spirale, die sich durch die Pinienlandschaft zog. Wer heute auf einen Stadtplan von Lignano Pineta schaut, kann diese charakteristische Form noch immer deutlich erkennen.
Hemingway sah also keinen fertig entwickelten Badeort. Er sah eine Landschaft und eine Idee davon, was hier einmal entstehen sollte.
Ein Grundstück für Hemingway
Und offenbar hofften seine Freunde darauf, dass der berühmte Schriftsteller wiederkommen würde. Hemingway wurde ein Grundstück angeboten, auf dem er sich ein eigenes Haus errichten könnte. Er unterschrieb sogar das entsprechende Dokument. Das Haus wurde allerdings nie gebaut. Damit gehört zu den Hemingway-Geschichten Lignanos auch die Geschichte eines Hauses, das es niemals gegeben hat.
Was wäre gewesen, wenn Hemingway tatsächlich gebaut hätte? Vielleicht wäre Lignano heute nicht nur der Ort eines kurzen Besuchs, sondern einer der berühmten Hemingway-Orte Europas geworden.
Es blieb bei der Möglichkeit. Und bei seiner Unterschrift.
Das „Florida Italiens“
Etwas anderes blieb ebenfalls im Gedächtnis: Hemingways Begeisterung für die Landschaft. Der Schriftsteller kannte Florida bestens. Von 1931 bis 1939 lebte er in Key West. Meer und Fischfang spielten in seinem Leben ebenso wie in seinem literarischen Werk eine große Rolle.
Als Hemingway nun die Landschaft rund um Lignano mit ihren Pinien, dem Wasser, den Lagunen und dem langen Sandstrand erlebte, soll er sie mit Florida verglichen haben. Bis heute ist deshalb ein Ausspruch mit seinem Besuch verbunden: „Florida d'Italia“ – das Florida Italiens.
Ob Hemingway ahnte, wie oft dieser Vergleich Jahrzehnte später noch zitiert werden würde?
Wohl kaum. Für Lignano wurde er jedenfalls zu einem Teil der eigenen Geschichte.
Hemingway kam – und fuhr wieder
Nach einigen Stunden ging die Reise weiter. Hemingway blieb nicht in Lignano. Er bezog kein Hotelzimmer für einen längeren Urlaub, schrieb hier keinen Roman und kehrte nach den heute bekannten historischen Quellen auch nicht regelmäßig zurück. Gerade das macht die Geschichte so bemerkenswert.
Denn wer heute nach Lignano kommt, könnte angesichts der zahlreichen Erinnerungen an Hemingway leicht einen völlig anderen Eindruck gewinnen. So wie ich. Aus einem kurzen Besuch wurde im Laufe der Jahrzehnte eine literarische Verbindung ...und für uns eine literarische Reise.
Der Parco Hemingway in Lignano Pineta
Das sichtbarste Zeichen dafür ist heute der Parco Hemingway in Lignano Pineta. Seit 1984 trägt die große Grünanlage den Namen des amerikanischen Schriftstellers. Zwischen Pinien, Spazierwegen und weitläufigen Grünflächen wird an Hemingway und seine Verbindung zu Lignano erinnert. Für eine literarische Reise ist der Park deshalb ein guter Ausgangspunkt.
Dabei lohnt es sich, für einen Moment das heutige Lignano auszublenden. Keine Hotels, Ferienwohnungen und Strandbars, kein sommerlicher Verkehr und keine langen Reihen von Sonnenschirmen. Hier ist es ruhig, schattig, Bänke laden zum Verweilen und Spielgeräte für Kinder zum Spielen ein. Die Gedanken schweifen ab - hat er diese Pinien gesehen? Vielleicht lässt sich dann ein wenig besser nachvollziehen, warum ihn die Landschaft an Florida erinnerte.
Ein Literaturpreis trägt seinen Namen
Besonders nachhaltig wurde diese Erinnerung ab den 1980er-Jahren. 1985 wurde der Premio Ernest Hemingway Lignano Sabbiadoro ins Leben gerufen. Der Preis entwickelte sich zu einer kulturellen Institution und wird bis heute vergeben. Damit geschah etwas Bemerkenswertes: Aus der Erinnerung an einen Schriftsteller entstand neue Literatur- und Kulturgeschichte.
Hemingways Verbindung zu Lignano beschränkt sich deshalb heute nicht mehr auf das, was am 15. April 1954 geschah. Sein Name wurde zum Ausgangspunkt für eine Tradition, die lange nach seinem Tod weiterlebt.
Ein Nobelpreisträger kurz vor seinem größten Erfolg
Auch der Zeitpunkt des Besuchs ist bemerkenswert. Als Hemingway im April 1954 durch Lignano Pineta spazierte, war „Der alte Mann und das Meer“ bereits erschienen. Jenes Werk, das mich vor Jahren nachhaltig bewegte. Verbunden mit einem Film, in dem Spencer Tracy die Hauptrolle spielte. Die 1952 veröffentlichte Erzählung über den alten Fischer Santiago hatte wesentlich dazu beigetragen, Hemingways literarischen Ruhm noch einmal zu festigen. Im Mai 1953 erhielt er dafür den Pulitzer-Preis.
Und nur wenige Monate nach seinem Besuch in Lignano folgte die größte literarische Auszeichnung: Im Oktober 1954 wurde bekannt gegeben, dass Ernest Hemingway den Nobelpreis für Literatur erhält.
Der Mann, der an jenem Frühlingstag den Strand von Lignano betrachtete, stand also unmittelbar vor einem der bedeutendsten Momente seiner Schriftstellerkarriere.
Wie viel Erinnerung passen in ein paar Stunden?
Vielleicht ist Lignano gerade deshalb ein so interessanter Ort für unsere Reihe „Literarische Reisen“. Hier gibt es kein Hemingway-Geburtshaus zu besichtigen. Kein Arbeitszimmer, in dem ein berühmter Roman entstand. Kein Café, in dem der Schriftsteller jahrelang an seinem Stammplatz saß. Stattdessen gibt es einen kurzen Besuch. Ein Grundstück, auf dem niemals ein Haus gebaut wurde. Einen Satz über das „Florida Italiens“.
Nicht immer braucht es Jahre. Manchmal genügt ein einziger Tag – oder sogar nur ein paar Stunden. Ein paar Stunden für die Ewigkeit.
Die kannst du dir ebenfalls mit guter Literatur bescheren. Zum Beispiel mit Büchern von Ernest Hemingway. Schau einmal hier vorbei.

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